Aktuell dominieren sowohl in den Kultur- und Geisteswissenschaften als auch in den traditionellen kartographiehistorischen Forschungen aus der Feder von Kartographen, Geographen und Historikern noch immer weitgehend positivistische Perspektiven, die von der Karte als Produkt ausgehen und deren komplexen Produktionsprozess nahezu vollständig außer Acht lassen. Karten werden hierbei vor allem unter dem Gesichtspunkt eines kumulativen Wachstums objektiven Wissens interpretiert, im Zuge dessen eine immer korrektere Abbildung „der“ geographischen Realität zustande komme. Das Projekt verknüpft durch seinen interdisziplinären Ansatz kartographiegeschichtliche Analysen mit den neueren Befunden der (historischen) Wissenschaftsforschung sowie sozialwissenschaftlichen Betrachtungen, um neben der großen Bedeutung, die Abbildungen für das Forschungshandeln besitzen, vor allem auch den Umstand zu betonen, dass Visualisierungen erheblich zur Formung und Ordnung von Wissen beitragen. Karten erweisen sich nicht nur als elegante Instrumente zur Herstellung von Konsens und Einheit, sondern fungieren ebenfalls als eine Schule des Sehens. Sie können Beobachtungsobjekte standardisieren und Prozesse typologischer Mustererkennung in Gang setzen.
Das Ziel des Projektes ist, einen kaum beachteten Aspekt des interkulturellen Wissenstransfers zwischen Afrika und Europa in einer entscheidenden frühen Phase der Globalisierung näher zu beleuchten. Im Unterschied zur postkolonialen Kritik an der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts geht das Forschungskonzept davon aus, dass nicht alles, was seinen Weg in die europäischen Karten und Bücher über Afrika fand, durch die hegemonialen Deutungen und Kategorien der Europäer gefiltert wurde, sondern sich Spuren afrikanischer Kenntnisse und Taxonomien als indigene „Stimmen“ in den Kartenwerken erkennen lassen. Mittels eingehender Quellenanalysen publizierter wie unpublizierter Schriften zu Afrika europäischen und afrikanischen Ursprungs werden anhand des Mediums von Afrikakarten raumbezogene Vorstellungen von Afrikanern und Europäern während des Zeitraums 1850 bis 1914 rekonstruiert, wechselseitige Einflüsse untersucht und Prozesse der Transformation von Wissen in und durch kartographische Visualisierung analysiert.
Bearbeitung: Heinz Peter Brogiato, Kathrin Fritsch, Adam Jones (Universität Leipzig), Bruno Schelhaas, Isabel Voigt, Ute Wardenga (Projektleitung)
Kooperation: Thomas J. Bassett (University of Illinois, USA), Imre Josef Demhardt (University of Texas at Arlington, USA), Ulf Engel (Universität Leipzig), Elri Liebenberg (University of South Africa, Pretoria, Südafrika), Matthias Middell (Universität Leipzig), Jana Moser (Sächsische Akademie der Wissenschaften), Hans-Dietrich Schultz (HU Berlin), Guy Thomas (Universität Basel, Schweiz), Nnabugwu O. Uluocha (University of Lagos, Nigeria)), Petra Weigel (Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha)
Laufzeit: Mai 2009 bis April 2011
Projektförderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Weitere Informationen:
Kathrin Fritsch Tel.: +49 (0)341 600 55-115
K_Fritsch[at]ifl-leipzig·de
Isabel Voigt Tel.: +49 (0)341 600 55-115
I_Voigt[at]ifl-leipzig·de
Ute Wardenga Tel.: +49 (0)341 600 55-110
U_Wardenga[at]ifl-leipzig·de


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