Europäisches und Afrikanisches Raumwissen

Afrikakartographie, 1850–1914

Im Fokus: Karten als Medium des interkulturellen Wissenstransfers zwischen Afrika und Europa in einer frühen Phase der Globalisierung

In der Wissenschaft dominieren noch immer weitgehend positivistische Perspektiven, die von der Karte als Produkt ausgehen und deren komplexen Produktionsprozess außer Acht lassen: Karten werden vor allem unter dem Gesichtspunkt eines kumulativen Wachstums von objektivem Wissen interpretiert, im Zuge dessen eine immer korrektere Abbildung der geographischen Realität zustande komme.

Das Forschungsprojekt verknüpft durch seinen interdisziplinären Ansatz kartographiegeschichtliche Analysen mit den neueren Befunden der (historischen) Wissenschaftsforschung sowie sozialwissenschaftlichen Betrachtungen. Denn Visualisierungen sind nicht nur von erheblicher Bedeutung für das Forschungshandeln. Sie tragen vor allem auch erheblich zur Formung und Ordnung von Wissen bei, setzen Prozesse typologischer Mustererkennung in Gang und können sich als „Schule des Sehens“ erweisen.

Das Ziel des Projektes ist, einen kaum beachteten Aspekt des interkulturellen Wissenstransfers zwischen Afrika und Europa in einer entscheidenden frühen Phase der Globalisierung näher zu beleuchten. Im Unterschied zur postkolonialen Kritik an der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts geht das Forschungskonzept davon aus, dass nicht alles, was seinen Weg in die europäischen Karten und Bücher über Afrika fand, durch die hegemonialen Deutungen und Kategorien der Europäer gefiltert wurde, sondern sich Spuren afrikanischer Kenntnisse und Taxonomien als indigene „Stimmen“ in den Kartenwerken erkennen lassen.

Ergebnisse/Publikationen


Nach umfangreichen Archivstudien und der Sichtung zahlreicher publizierter Schriften findet sich die Annahme bestätigt, dass die „moderne“ Karte von Afrika nicht allein auf europäischen Beobachtungen und Techniken, sondern in erheblichem Umfang auf afrikanischem Wissen beruhte. Die meisten europäischen Afrikareisenden teilten jedoch die Vorstellung von Afrika als einem „leeren“ Raum und glaubten, der Kontinent könne erst durch europäische „Entdeckung“ zur Existenz gebracht werden. Dabei waren kartographische Visualisierungen für die Reisenden in allen Fällen handlungsleitend und führten regelmäßig zu transkulturellen Verständigungsproblemen. Im Feld selbst wurden, entgegen späterer Darstellungen und auch entgegen der publizierten Kartenaussagen, die in Europa geplanten Reiserouten in der Regel durch lokale Akteure verändert und neu ausgehandelt. Zudem spielte afrikanisches Wissen (und zwar nicht nur in Bezug auf die Benennung von Örtlichkeiten) bei der Sammlung von Informationen und der Konstruktion von (Entwurfs-)Karten bis in die 1880er Jahre hinein in weit größerem Umfang als bisher angenommen eine Rolle.


Fritsch, Kathrin / Voigt, Isabel (2008): “Local knowledge is wonderfully good, but …" - African Knowledge in European Maps. Proceedings of the Portsmouth Symposium, ICA Commission on the History of Cartography, 10.-12.09.2008 in Portsmouth/UK. (PDF »)

Fritsch, Kathrin (2009): “"You have everything confused and mixed up …!" Georg Schweinfurth, Knowledge and Cartography of
Africa in the 19th Century”. In: History in Africa 36, S. 87–101.

Fritsch, Kathrin / Voigt, Isabel (vorauss. 2011): Exploring and Mapping South West Africa between 1850 and 1914. Journal of Namibian Studies. (eingereicht)

Jones, Adam (2010): Oldendorps Beitrag zur Afrikaforschung, in: Gudrun Meier et al. (Hg.), Christian Georg Andreas Oldendorp, Historie der Caraibischen Inseln Sanct Thomas, Sanct Crux und Sanct Jan. Kommentarband, Beiheft der Unitas Fratrum 19, S. 181–190.

Schelhaas, Bruno (2009): Das „Wiederkehren des Fragezeichens in der Karte“. Gothaer Kartenproduktion im 19. Jahrhundert. In: Geographische Zeitschrift 97, 4, S. 227–242.

Schelhaas, Bruno / Wardenga, Ute (2011): „„Inzwischen spricht die Karte für sich selbst“. Transformation von Wissen im Prozess der Kartenproduktion. In: Steffen Siegel u. Petra Weigel (Hg.), Die Werkstatt des Kartographen. Materialien und Praktiken visueller Welterzeugung, Laboratorium Aufklärung, H. 9 München: Wilhelm Fink, S. 89-107.

Voigt, Isabel (2012): Die Schneckenkarte – Mission, Kartographie und transkulturelle Wissensaushandlung in Ostafrika um 1850. Cartographica Helvetica 45. (angenommen)

Bearbeitung
Heinz Peter Brogiato, Kathrin Fritsch, Adam Jones (Universität Leipzig), Bruno Schelhaas, Isabel Voigt, Ute Wardenga (Projektleitung)
Kooperation(en)

Thomas J. Bassett (University of Illinois, USA), Imre Josef Demhardt (University of Texas at Arlington, USA), Ulf Engel (Universität Leipzig), Elri Liebenberg (University of South Africa, Pretoria, Südafrika), Matthias Middell (Universität Leipzig), Jana Moser (Sächsische Akademie der Wissenschaften), Hans-Dietrich Schultz (HU Berlin), Guy Thomas (Universität Basel, Schweiz), Nnabugwu O. Uluocha (University of Lagos, Nigeria), Petra Weigel (Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha)

Laufzeit
05/2009–12/2011
Projektförderung
Deutsche Forschungsgemeinschaft
Weitere Informationen

Isabel Voigt
I_Voigt[at]ifl-leipzig.de
Tel.: +49 (0)341 600 55-115

Ute Wardenga
U_Wardenga[at]ifl-leipzig.de
Tel.: +49 (0)341 600 55-110

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