Leipzig/Bonn. – In Deutschland erkranken in jedem Jahr etwa 100.000 Menschen an der durch Zeckenstiche übertragenen... mehr »
Geographie[n] an den Rändern des Europäischen Projekts.
Das Projekt analysiert grenzüberschreitende ökonomische Praktiken und macht diese zum Gegenstand von Fallstudien zum Kleinhandel und zum produzierenden Gewerbe an der finnisch-russischen, der polnisch-belarussischen, der polnisch-ukrainischen und der rumänisch-ukrainischen Grenze.
Als Kehrseite ihrer zunehmenden Integration errichtet die Europäische Union seit dem Schengener Regierungsübereinkommen von 1985 eine gemeinsame Außengrenze, die zunehmend zu einer security border wird, entlang derer ein einheitliches Regime der Kontrolle und der Überwachung angestrebt wird. Dies führt zu Exklusionen unerwünschter Personen und kann entlang der Außengrenze Interaktionen erschweren: Statt mehr Ordnung und Eindeutigkeit – den theoretischen Funktionen von sozialen Grenzziehungen schlechthin – entstehen komplexe und teils widersprüchliche Bedingungen des Handelns. De facto entfaltet die Außengrenze der EU in unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilbereichen höchst unterschiedliche Wirkungen.
Widersprüche sind aber nicht nur ein Ergebnis des Umgangs unterschiedlicher Akteure oder Akteursgruppierungen mit der Grenze, sondern Widersprüche sind schon in der politisch-administrativen Gestaltung des Grenzregimes selbst angelegt. Sie materialisieren sich an der Außengrenze notwendigerweise in allen grenzbezogenen Praktiken. Dabei sind Grenzübertritte die „Orte“, an denen die Aushandlung von Staat/Staatlichkeit und Grenze manifest wird. Welche Effekte die Außengrenze der Europäischen Union in der und für die Alltagspraxis entfaltet und wie sie als räumlich formierte „soziologische Tatsache“ (Simmel) wirksam wird, erschließt sich daher nicht aus der bloßen Analyse ‚geopolitischer Repräsentationen, Konstruktionen und Symbolisierungen, sondern aus der Betrachtung legaler und illegaler, erwünschter und unerwünschter Praktiken der Grenzüberschreitung. Denn alle sozialen Praktiken der Grenzüberschreitung sind gezwungen, sich mit dem sozial produzierten Raum der Grenze auseinander zu setzen. Die Grenze ist, wie jeder sozial produzierte Raum, als „Medium, Umgebung und Mittel, Werkzeug und Zwischenstufe“ (Lefebvre) und muss als solches in sozialen Praktiken angeeignet werden. Welche konkrete(n) Bedeutung(en) die Grenze in Bezug auf verschiedene Formen der Praxis hat, erweist sich erst in ihrem Gebrauch, in der konkreten Aushandlung.
Kleinhändler und Unternehmer, die Geschäfte über Grenzen hinweg betreiben, gehen bei ihren ökonomischen Tätigkeiten sowohl strategisch als auch taktisch vor – je nach ihrer Ausstattung mit sozialem und ökonomischem Kapital. Ihr Ziel ist es, das Risiko des Warenverlusts beim Grenzübertritt so gering wie möglich zu halten. Dabei sind sie einerseits mit einem EU-Grenzregime konfrontiert, das sich in einem Homogenisierungsprozess befindet, etwa in Form der Ausweitung des Schengenraums. Andererseits haben sie es bei ihren wirtschaftlichen Aktivitäten mit nationalen Bestimmungen zu tun.
In Reaktion auf die jeweiligen sich verändernden Bedingungen wenden sie verschiedene Praktiken an:
- räumliche Umorientierung auf andere Grenzabschnitte
- unternehmerische Reorganisation des Grenzübertritts
- Auswechselung des Warensortiments
- Bildung sozialer Netzwerke zu Grenzautoritäten
- Unternehmerische Netzwerkbildung
Gemeinsam ist den oben genannten Akteuren, dass sie nicht im Mittelpunkt der Diskussionen und Entscheidungen stehen, die auf politischer Ebene zur Formierung einer einheitlichen EU-Außengrenze geführt bzw. getroffen werden. Jedoch sind sie es, die tagtäglich mit der Grenze und ihren Auswirkungen umgehen und diese in ihre Handlungen mit einbeziehen müssen. Ihre Auseinandersetzung mit den Regulierungen des Grenzregimes führen mit dazu, dass die Wirklichkeit der EU-Außengrenze täglich neu definiert wird. Deshalb ist die Analyse dieser Praktiken auf der Mikroebene nötig, um zu verstehen, wie heterogen sich das Verhältnis zwischen politisch gewollter Homogenisierung und tatsächlichen lokalen Handlungsorientierungen gestalten kann.
Prof. Dr. Jozsef Benedek, Universität Cluj (Rumänien); Prof. Dr. Heikki Eskelinen, Universität Joensuu (Finnland); Prof. Dr. Ulrike Grabski-Kieron, Universität Münster; Prof. Dr. Martin Heintel, Universität Wien (Österreich); Prof. Dr. Dmitrij Karev, Universität Grodno (Belarus); Dr. Robert Kempa, Universität Bia?ystok (Polen); Prof. Dr. Heiderose Kilper, Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung; Dr. Bohumila Lezechko, Nat. Verwaltungsakademie der Ukraine, L'viv (Ukraine); Prof. Dr. Uladzimier Lukievic, Staatliche Universität Brest, Belarus; Prof. Dr. Ingo Mose, Universität Oldenburg; Dr. Halina Parafianowicz, Universität Bia?ystok (Polen); Dr. Petr Rumpel, Universität Slezská Ostrava (Tschechien); Prof. Dr. Markku Tykkyläinen, Universität Joensuu (Finnland); PD Dr. Christoph Waack
Judith Miggelbrink
Tel.: +49 341 600 55-109
j_miggelbrink(at)ifl-leipzig.de


