Kartenproduktion als Weltbildgenerierung

Der Verlag Justus Perthes Gotha in der „Ära Petermann“ (1855–1884)
August Petermann

Ziel des Projekts ist die historische Analyse des sozialen, medialen und technischen Prozesses der Kartographie in der „Ära Petermann“ (1855–1884). August Petermann und der Verlag Justus Perthes sind aus mehreren Gründen ein hervorragender Forschungsgegenstand: Gotha war ein internationaler Netzwerkknoten der wissenschaftlichen und populären Geographie des 19. Jahrhunderts. Das Organisationstalent August Petermann und die Zeitschrift „Petermanns Mitteilungen“ perfektionierten ein System der Informationsverwertung und Visualisierung.Die hier entwickelte spezifische Kartensemiotik war wesentlich für den wissenschaftlichen und verlegerischen Erfolg des Perthes-Verlages, mit weitreichenden Konsequenzen für die Ideen- und Wissenschaftsgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts.

Im Mittelpunkt des Forschungsinteresses stehen die komplexen Aushandlungsprozesse der Kartenproduktion, von den Routenaufnahmen der Forscher bis zur publizierten Karte, sowie die beteiligten Akteure. Aufbauend auf jüngeren Ergebnissen der Wissenschaftsforschung sollen der Wissenstransfer und die damit verbundenen kartographischen Visualisierungen der Afrikakartographie der ersten 30 Jahrgänge von „Petermanns Mitteilungen“ exemplarisch veranschaulicht werden.

Ergebnisse/Publikationen

Das Projekt hat dazu beigetragen, erstmals einen mit Quellen dicht belegten Einblick in den Prozess der Kartenproduktion im Perthes-Verlag im Zeitraum 1855–1884 zu gewinnen und damit die von der Forschung bisher als black box behandelten Praktiken der Herstellung von Karten als neues Forschungsfeld zu erschließen, zu konturieren und der kritischen internationalen und interdisziplinären zur Diskussion zu stellen.

Die Öffnung dieser black box hat für die Phase der vorakademischen Geographie erstaunliche Befunde im Hinblick auf eine von ökonomischen Kriterien gesteuerte Wissensgenerierung zu Tage gefördert und den gegenüber späteren Epochen der Fachgeschichte erheblich internationaleren Zuschnitt geographischer Forschung verdeutlicht. Sie hat darüber hinaus starke Hinweise auf eine schon lange vor der Akademisierung der Disziplin einsetzende Herausbildung eines spezifischen Habitus gegeben, der sich über die Praxis des Kartenmachens und die visuelle Konstitution des Forschungsgegenstandes entwickelte und selbst in seinen später konfigurierten kognitiven Schemata die Herkunft aus einer stark von Gotha aus inspirierten und gesteuerten Forschungspraxis nicht verleugnen konnte.

Publikationen:

Schelhaas, Bruno / Wardenga, Ute (2007): „Die Hauptresultate der Reisen vor die Augen zu bringen“ oder: Wie man Welt mittels Karten sichtbar macht. In: Berndt, Christian / Pütz, Robert (Hrsg.): Kulturelle Geographien. Zur Beschäftigung mit Raum und Ort nach dem Cultural Turn. Bielefeld, S. 143–166. (Kultur und Soziale Praxis).

Schelhaas, Bruno (2009): „… die vielgenannte terra icognita endlich einmal enthüllt vor Augen“. Die Gothaer Afrikakartographie und der geographische Wissenstransfer im 19. Jahrhundert. In: Mätzing, Heike Christina / Henry, Roderich (Hg.): Die Macht der Karten oder was man mit Karten machen kann. Berlin und Braunschweig, S. 5.

Schelhaas, Bruno (2009): Das „Wiederkehren des Fragezeichens in der Karte“. Gothaer Kartenproduktion im 19. Jahrhundert. In: Geographische Zeitschrift 97, H. 4, S. 227–242.

Schelhaas, Bruno / Wardenga, Ute (2011): „Inzwischen spricht die Karte für sich selbst“. Transformation von Wissen im Prozess der Kartenproduktion. In: Siegel, Steffen / Weigel, Petra (Hrsg.): Die Werkstatt des Kartographen. Materialien und Praktiken visueller Welterzeugung. München, S. 89–107. (Laboratorium Aufklärung; 9).

Bearbeitung
Heinz Peter Brogiato, Konrad Großer, Bruno Schelhaas, Ute Wardenga
Kooperation(en)

Prof. em. Dr. Ulrich Freitag (FU Berlin), Prof. Dr. Haim Goren (Tel-Hai Academic College, Israel), Dr. Markus Heinz (Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Kartenabteilung), Prof. Dr. Guntram Herb (Middlebury College, USA), Prof. Dr. Adam Jones (Universität Leipzig), Prof. i. R. Dr. Wolf Günther Koch (TU Dresden), Dr. Jana Moser (Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig), Prof. Dr. Achim von Oppen (Universität Bayreuth), Prof. Dr. Ute Schneider (Universität Duisburg-Essen), Prof. Dr. Iris Schröder (Humboldt-Universität zu Berlin, z. Z. Universität Magdeburg), Prof. Dr. Hans-Dietrich Schultz (Humboldt-Universität zu Berlin), Dr. Petra Weigel (Forschungsbibliothek Gotha)

Laufzeit
07/2007 bis 06/2009
Projektförderung
Fritz Thyssen Stiftung
Weitere Informationen

Bruno Schelhaas
B_Schelhaas(at)ifl-leipzig.de
Tel.: +49 341 600 55-151

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