Machttechnologische Raumproduktionen

Territorialität und Indigenität der Sámi

Im Fokus: Aktuelle Konflikte um Raum und Ressourcen sowie zwischen indigener und staatlicher Territorialität

Rentiertrennung in Finnland

Die Sámi sind das einzige anerkannte indigene Volk Europas. Ihr Siedlungsgebiet (Sápmi) erstreckt sich über nördliche Landesteile der heutigen Nationalstaaten Norwegen, Schweden, Finnland und Russland. Aufgrund ihrer zum Teil divergierenden Interessen sind Sámi und Vertreter dieser Nationalstaaten zunehmend an verschiedenen Konflikten um Raum und Ressourcen in Nordeuropa beteiligt. Im Zuge des weltweiten native revival seit den 1970er Jahren engagierten sich auch Sámi aktiv für die Durchsetzung universell gültiger Rechtsnormen zum Schutz indigener Völker. Dokumente wie das Übereinkommen 169 der International Labour Organization (ILO) von 1989 und die UN-Erklärung der Rechte indigener Völker von 2007 ermöglichen ihnen eine völkerrechtliche Argumentation zur Legitimierung von Territorialansprüchen in Sápmi.

Im Mittelpunkt der ersten Projektphase stehen aktuelle Konflikte um Raum und Ressourcen, die auch Konflikte zwischen indigener und staatlicher Territorialität darstellen. In vier Fallstudien wird untersucht, welche Rolle die Selbst-, Fremd- und rechtlichen Definitionen der Sámi als indigenes Volk mit einer auf spezifischen soziale Organisationsformen und ökonomische Praktiken beruhenden Territorialität spielen. Eine für das sámische Selbstverständnis überragende Bedeutung spielt dabei die Rentierwirtschaft, die eine zentrale Rolle in der Beziehung zwischen Sámi und den Nationalstaaten spielt.

Die Fallstudien sind:

Holzwirtschaft in Finnland

Die Wälder Finnisch-Lapplands sind reich an Flechten, die eine wichtige Grundnahrung für Rentiere darstellen; aus wertvollem Holz werden veredelte Produkte wie Feinpapier erzeugt. Durch den massiven Eingriff der Holwirtschaft ist das empfindliche Ökosystem emfindlich gestört, einige Flächen werden sich von der Abholzung nie erholen. Der staatlichen Holzindustrie werden jedoch rechtliche Grenzen gesetzt. So darf die Rentierwirtschaft nicht signifikant gefährdet sein. Ein Definitionsproblem.

Nationalparks in Norwegen
Mit dem Ziel, Natur für zukünftige Generationen zu bewahren, verfolgt der norwegische Staat die Einrichtung mehrerer Nationalparks. Davon sind Gebiete betroffen, die von der Mehrheitsgesellschaft zwar als peripher betrachtet werden, in denen jedoch meist sámisches Weideland liegt. Die Implementierung von Schutzstufen erschwert den für die Rentierwirtschaft notwendig gewordenen Gebrauch moderner Technologien wie Hubschrauber und Motorbikes, wodurch ihre weitere Existenz gefährdet ist.

Schwedisch-Norwegische Grenze
Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wird die Grenze zwischen Schweden und Norwegen durch einen Grenzvertrag geregelt. Bestandteil dieses Vertrages ist das Lappekodisillen, das die Weidelandnutzung der Sámi unabhängig von ihrer Staatsbürgerschaft garantiert. Nach der Unionsauflösung 1905 wird dieses Recht zunehmend beschnitten. Mit dem Auslaufen der letzten Konvention 2003 kam es hierüber zum Streit zwischen den beiden Staaten, aber auch innerhalb der Gemeinschaft der Sámi.

EU Interreg IIIA Nord
In einem von drei Teilprogrammen unter der Bezeichnung „Sápmi“ wird eine sámische Perspektive aufgespannt. Es wird eine Verräumlichung Sápmis als territoriale Einheit verfolgt, die eine Zusammenarbeit aller Sámi über die nationalstaatlichen Grenzen hinweg ermöglicht. Ziel ist die Stärkung und Weiterentwicklung der sámischen Identität, Kultur, Sprache und Wirtschaftsweise.

Aufbauend auf der Analyse dieser konkreten Raumproduktionen wird in der theoriebildenden Phase des Forschungsprojekts das Foucault’sche Begriffsdreieck zu einem machttechnologischen Modell von Räumlichkeit weiterentwickelt. Es setzt sich mit der Funktionsweise von Raumproduktionen als machttechnologisches Medium in Konflikten auseinander und hilft, Konflikte zwischen indigener und staatlicher Territorialität zu verstehen. Darüber hinaus kann es gegebenenfalls zur Lösung von derartigen Konflikten beitragen.

Ergebnisse/Publikationen


Istomin, Kirill / Mazzullo, Nuccio E. (2011)
Rentier
In: Kleines abc des Nomadismus : [Publikation zur Ausstellung "Brisante Begegnungen. Nomaden in einer sesshaften Welt" vom 17.11.2011 - 20.05.2012 im Museum für Völkerkunde Hamburg] / hrsg. von Annegret Nippa und Museum für Völkerkunde Hamburg. - Hamburg, 2011. - ISBN 978-3-9812566-5-9, S. 182

Koch, Peter (2011)
Indigenität

In: Kleines abc des Nomadismus : [Publikation zur Ausstellung "Brisante Begegnungen. Nomaden in einer sesshaften Welt" vom 17.11.2011 - 20.05.2012 im Museum für Völkerkunde Hamburg] / hrsg. von Annegret Nippa und Museum für Völkerkunde Hamburg. - Hamburg, 2011. - ISBN 978-3-9812566-5-9, S. 98

Koch, Peter (2011)
Mehrheit und Minderheit
In: Kleines abc des Nomadismus : [Publikation zur Ausstellung "Brisante Begegnungen. Nomaden in einer sesshaften Welt" vom 17.11.2011 - 20.05.2012 im Museum für Völkerkunde Hamburg] / hrsg. von Annegret Nippa und Museum für Völkerkunde Hamburg. - Hamburg, 2011. - ISBN 978-3-9812566-5-9, S. 126 - 127

Koch, Peter / Miggelbrink, Judith (2011)
Being in the frontline of a Sámi culture and a private business : cross-border reindeer herding in Northern Norway and Sweden

In: Nomadic peoples, 15 (2011) 1, S. 114 - 143

Mazzullo, Nuccio E. (2010)
More than meat on the hoof? : Social significance of eindeer among Finnish Saami in a rationalized pastoralist economy
In: Good to eat, good to live with: nomads and animals in Northern Eurasia and Africa / ed. by Florian Stammler ... - Sendai : Center for Northeast Asian Studies, Tohoku Univ., 2010. - (Northeast Asian study series ; 11). - ISBN 978-4-901449-67-0, S. 101 - 119
URL: <http://arcticcentre.ulapland.fi/docs/net_6_mazzullo.pdf>

Mazzullo, Nuccio E. (2011)
Lappland oder Sápmi

In: Kleines abc des Nomadismus : [Publikation zur Ausstellung "Brisante Begegnungen. Nomaden in einer sesshaften Welt" vom 17.11.2011 - 20.05.2012 im Museum für Völkerkunde Hamburg] / hrsg. von Annegret Nippa und Museum für Völkerkunde Hamburg. - Hamburg, 2011. - ISBN 978-3-9812566-5-9, S. 124 - 125

Mazzullo, Nuccio E. (2011)
Sámi
In: Kleines abc des Nomadismus : [Publikation zur Ausstellung "Brisante Begegnungen. Nomaden in einer sesshaften Welt" vom 17.11.2011 - 20.05.2012 im Museum für Völkerkunde Hamburg] / hrsg. von Annegret Nippa und Museum für Völkerkunde Hamburg. - Hamburg, 2011. - ISBN 978-3-9812566-5-9, S. 190 - 191

Miggelbrink, Judith / Mazzullo, Nuccio E. (08.2011)
Winterweide und Holzlieferant : Interessenkonflikte bei der Waldnutzung in Nordfinnland

In: Geographische Rundschau, 63 (Juli/August 2011) 7/8, S. 36 - 42

Miggelbrink, Judith (2011)
Territorium
In: Kleines abc des Nomadismus : [Publikation zur Ausstellung "Brisante Begegnungen. Nomaden in einer sesshaften Welt" vom 17.11.2011 - 20.05.2012 im Museum für Völkerkunde Hamburg] / hrsg. von Annegret Nippa und Museum für Völkerkunde Hamburg. - Hamburg, 2011. - ISBN 978-3-9812566-5-9, S. 212

Miggelbrink, Judith / Paul, Jürgen / Syrbe, Daniel / Scharrer, Ulf (2011)
Grenze

In: Kleines abc des Nomadismus : [Publikation zur Ausstellung "Brisante Begegnungen. Nomaden in einer sesshaften Welt" vom 17.11.2011 - 20.05.2012 im Museum für Völkerkunde Hamburg] / hrsg. von Annegret Nippa und Museum für Völkerkunde Hamburg. - Hamburg, 2011. - ISBN 978-3-9812566-5-9, S. 82 - 83

Miggelbrink, Judith (2011)
Raum
In: Kleines abc des Nomadismus : [Publikation zur Ausstellung "Brisante Begegnungen. Nomaden in einer sesshaften Welt" vom 17.11.2011 - 20.05.2012 im Museum für Völkerkunde Hamburg] / hrsg. von Annegret Nippa und Museum für Völkerkunde Hamburg. - Hamburg, 2011. - ISBN 978-3-9812566-5-9, S. 164 - 165

Bearbeitung
Judith Miggelbrink (Projektleitung), Nuccio Mazzullo, Peter Koch
Kooperation(en)

Prof. Dr. Bernd Belina, Universität Frankfurt a. M.; Dr. Florian Stammler, Arctic Centre der Universität Lappland (Finnland)

Laufzeit
07/2008–06/2012
Projektförderung
Deutsche Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 586 "Differenz und Integration"
Weitere Informationen

Judith Miggelbrink
J_Miggelbrink(at)ifl-leipzig.de
Tel.: +49 341 600 55-109

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