Pressemitteilung vom 16. Mai 2017

„Abschied von der Zentrum-Peripherie-Debatte“

Experten fordern Umdenken bei Entwicklungskonzepten für Regionen abseits der Ballungsräume

Neue Perspektiven der Regionalentwicklung in peripheren ländlichen Räumen standen im Mittelpunkt eines Fachforums, zu dem Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Praxis auf Einladung des sächsischen Innenministeriums und des Leibniz-Instituts für Länderkunde (IfL) am 15. Mai 2017 in Dresden zusammenkamen. Um der Abnahme von Bevölkerung, Wirtschaftskraft und Infrastruktur wirksam zu begegnen, seien Ideen und intelligente Konzepte gefragt, betonte Max Winter, Abteilungsleiter im sächsischen Innenministerium, zur Eröffnung der Veranstaltung. Ein Umdenken und den „Abschied von der Zentrum-Peripherie-Debatte“ forderte Professor Oliver Ibert vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung in Erkner. Sowohl die Ballungszentren als auch die kleineren Städte und ländlichen Regionen sollten als Räume mit eigenen Qualitäten und Potenzialen betrachtet werden. Dadurch eröffne sich die Chance, nach möglichen Rollen peripherer Regionen in räumlich arbeitsteilig organisierten Innovationsprozessen zu suchen, so der Wissenschaftler.

Dr. Markus Egermann vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung in Dresden sprach sich für einen grundlegenden Kulturwandel aus. Statt einer an  Wachstum und Globalisierung orientierten Raumentwicklungspolitik empfiehlt der Geograph und Raumplaner, ländliche und periphere Regionen als „Reallabore für eine postwachstumsorientierte, solidarische und ökologisch nachhaltige Wirtschafts- und Gesellschaftsform“ zu verstehen und zu fördern.

Wie sich die Lebensqualität in kleineren Städten und ländlichen Kommunen schon jetzt verbessern lässt, zeigte Andreas Willisch vom Thünen-Institut für Regionalentwicklung an konkreten Projekten auf. Der Soziologe koordiniert das Programm „Neulandgewinner. Zukunft erfinden vor Ort“, mit dem die Robert-Bosch-Stiftung seit 2013 aktive Bürger aus dem ländlichen Raum Ostdeutschlands unterstützt. Hintergrund ist die Einsicht, dass eigenverantwortliches Handeln und bürgerschaftliches Engagement eine zunehmend wichtige Rolle für die Zukunftsfähigkeit von Kommunen und Regionen spielen. Willisch: „Wo Wandel ist, entstehen neue Freiräume, die Menschen mit Kreativität und Umsetzungswillen füllen können.“

Dass Vernetzung, Kooperation und Sichtbarkeit zentrale Voraussetzungen für soziale und wirtschaftliche Innovationen sind, erläuterten Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Länderkunde und der Universität Leipzig anhand ihrer aktuellen Studien zu lokalen Initiativen der Sozialökonomie sowie zu betrieblichen Innovationstätigkeiten und regionalpolitischen Strategien zur Wirtschaftsentwicklung in Europa.

Der sächsische Landtagsabgeordnete Heinz Lehmann (CDU) rief dazu auf, innovative Ideen an den Ausschuss der Regionen heranzutragen, dessen deutscher Delegation der Politiker vorsteht. Das beratende Gremium gibt Stellungnahmen zu EU-Regelungen von kommunaler oder regionaler Bedeutung ab und leitet sie an die entsprechenden EU-Institutionen weiter.

Das Fachforum fand anlässlich der Europawoche 2017 statt und wurde im Rahmen des Projekts „Socio-economic and Political Responses to Regional Polarisation in Central and Eastern Europe“ (RegPol2) aus Mitteln der Marie-Curie-Maßnahmen des 7. EU-Forschungsrahmenprogramms gefördert. Unter Federführung des Leibniz-Instituts für Länderkunde untersuchen Nachwuchswissenschaftler aus Deutschland, Frankreich, Kanada, Lettland, den Niederlanden, Österreich, Rumänien, Tschechien und Ungarn die Ursachen und Auswirkungen von Marginalisierungs- und Polarisierungsprozessen in Deutschland und Osteuropa. Ziel des Vorhabens sind Empfehlungen für eine sozial und räumlich gerechtere Stadt- und Regionalpolitik.

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