Demokratisierung von Expertenwissen

Kartenproduktion und Kartengebrauch in neuen Medienwelten

Kartographie war lange Zeit eine Expertendisziplin. Durch Internet und freie Softwareprodukte kann heute jeder Karten herstellen, nutzen und verbreiten. Kartographisch nicht ausgebildete Prosumer (consumer plus producer) produzieren einen Großteil der im Internet verfügbaren Karten. Das Forschungsprojekt beschäftigt sich vor diesem Hintergrund mit bislang kaum untersuchten Fragen zur Gestaltung von und dem Umgang mit Karten in der virtuellen Welt:

  • Welche Kartensprachen mit welchen Eigenschaften/Funktionalitäten bieten frei zugängliche Softwareprodukte wie Google Maps, Leaflet, Worldmapper u. a.?
  • In welchen Gebrauchssituationen werden Karten bevorzugt erstellt bzw. verändert oder genutzt? Wann und warum wird auf andere Formen der Visualisierung bzw. Kommunikation (Fotos, Texte etc.) ausgewichen?
  • Wie nutzen Prosumer angebotene Werkzeuge zur Kartenerstellung tatsächlich? Was lässt sich daraus für die Erarbeitung von Richtlinien und Werkzeugen für die Kartenproduktion durch kartographisch nicht geschulte Personen folgern?
  • Welche Hilfsmittel benötigen Prosumer, um mit „ihren“ Daten intuitiv „gute“ und „richtige“ Karten zu erzeugen?
  • Wie und in welchem Umfang ist die kritische Handhabung von Karten ausgeprägt? Welche Mittel können zum kritischen Umgang mit dem Medium beitragen?

Das Projekt verfolgt einen interdisziplinären und nutzerorientierten Ansatz. Durch die Zusammenarbeit von Geographen, Kartographen, Kommunikations-, Informations- und Kulturwissenschaftlern sowie Kognitionspsychologen untersucht es den grundlegenden Wandel, den die Entwicklung neuer digitaler Medien im Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft mit sich gebracht hat. Im Unterschied zu anderen neuen Kommunikationsformen wie Blogs und Wikis sind Karten ein sehr spezielles Mittel der Repräsentation von Vorstellungen über unsere Umgebung und die Welt, das ähnlich wirkt wie Fotos. Über Jahrhunderte fungierten Karten und kartenähnliche Darstellungen als visuelles Medium mit einer potenziell äußerst hohen Informationsdichte; aufgrund ihres kulturell eingeübten Status der Wahrheitsvermittlung sind sie – unabhängig von ihrem Urheber – bis heute machtvolle Instrumente gesellschaftlicher Kommunikation.

Die Ergebnisse des Forschungsprojektes lassen einen grundlegenden Beitrag zur Weiterentwicklung der pragmatischen bzw. sozialen Dimension der kartographischen Theorie erwarten. Außerdem sollen den Neue-Medien-Kartographen und -Kartennutzern Werkzeuge zur Herstellung sowie zur kritischen Einschätzung und Verwendung von Karten angeboten werden. Ein weiteres Erkenntnisziel sind neue Perspektiven auf die Prozesse des Kompetenzaustausches zwischen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Formen der Wissensproduktion.

Ergebnisse/Publikationen

Moser, Jana / Ipatow, Natalia / Hoyer, Tom / Harvey, Francis (2015): Interdisciplinary Analysis of Prosumer Map-making: Developing a Critical Understanding of Map-use. In: Proceedings of AGILE International Conference on Geographic Information Science (PDF)

Moser, Jana / Ipatow, Natalia / Hoyer, Tom (2015): Good Map – Bad Map. Interdisciplinary analysis of collaborative mapmaking by prosumers. In: Proceedings of ICC 2015, Rio de Janeiro (Abstract / PDF)

Hoyer, Tom (2016): On the Question of How Web 2.0 Features Support Critical Map Reading. In: GI_Forum 2016, Vol. 1, S. 295-301. DOI: 10.1553/giscience2016_01_s295 (PDF)

Projekt-Info

Bearbeitung

Jana Moser, Tom Hoyer, Natalia Ipatow, Malte Reißig

Kooperation(en)

Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM), Tübingen

Laufzeit

05/2014 – 04/2018

Projektförderung

Leibniz-Wettbewerb

Weitere Informationen

Dr. Jana Moser
J_Moser(at)ifl-leipzig.de
Tel: +49 341 600 55-133