Geographie[n] an den Rändern des Europäischen Projekts

Räumliche Orientierung und Peripherisierung an der Außengrenze der erweiterten Europäischen Union

Im Mittelpunkt des Projekts stand die Analyse grenzüberschreitender ökonomischer Praktiken am Beispiel von Kleinhandel und produzierendem Gewerbe an der finnisch-russischen, der polnisch-belarussischen, der polnisch-ukrainischen und der rumänisch-ukrainischen Grenze.

Als Kehrseite ihrer zunehmenden Integration hat die EU seit dem Schengener Regierungsübereinkommen von 1985 eine gemeinsame Außengrenze errichtet, entlang derer ein einheitliches Regime der Kontrolle und der Überwachung angestrebt wird. Dies führt zu Exklusionen unerwünschter Personen und kann entlang der Außengrenze Interaktionen erschweren: Statt mehr Ordnung und Eindeutigkeit – den theoretischen Funktionen von sozialen Grenzziehungen schlechthin – entstehen komplexe und teils widersprüchliche Bedingungen des Handelns. De facto entfaltet die Außengrenze der EU in unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilbereichen höchst unterschiedliche Wirkungen.

Widersprüche ergeben sich aber nicht nur aus dem Umgang unterschiedlicher Akteure oder Akteursgruppierungen mit der Grenze, sondern Widersprüche sind schon in der politisch-administrativen Gestaltung des Grenzregimes selbst angelegt. Sie materialisieren sich an der Außengrenze notwendigerweise in allen grenzbezogenen Praktiken. Dabei sind Grenzübertritte die „Orte“, an denen die Aushandlung von Staat bzw. Staatlichkeit und Grenze manifest wird. Die Effekte der EU-Außengrenze in der und für die Alltagspraxis erschließen sich demzufolge am besten aus der Betrachtung legaler und illegaler, erwünschter und unerwünschter Praktiken der Grenzüberschreitung.

Ergebnisse/Publikationen

Kleinhändler und Unternehmer, die Geschäfte über Grenzen hinweg betreiben, gehen bei ihren ökonomischen Tätigkeiten sowohl strategisch als auch taktisch vor – je nach ihrer Ausstattung mit sozialem und ökonomischem Kapital. Ihr Ziel ist es, das Risiko des Warenverlusts beim Grenzübertritt so gering wie möglich zu halten. Dabei sind sie einerseits mit einem EU-Grenzregime konfrontiert, das sich in einem Homogenisierungsprozess befindet, etwa in Form der Ausweitung des Schengenraums. Andererseits haben sie es bei ihren wirtschaftlichen Aktivitäten mit nationalen Bestimmungen zu tun. In Reaktion auf die jeweiligen sich verändernden Bedingungen wenden sie verschiedene Praktiken an:

  • räumliche Umorientierung auf andere Grenzabschnitte
  • unternehmerische Reorganisation des Grenzübertritts
  • Auswechselung des Warensortiments
  • Bildung sozialer Netzwerke zu Grenzautoritäten
  • unternehmerische Netzwerkbildung

Gemeinsam ist den oben genannten Akteuren, dass sie nicht im Mittelpunkt der Diskussionen und Entscheidungen stehen, die auf politischer Ebene zur Formierung einer einheitlichen EU-Außengrenze geführt bzw. getroffen werden. Jedoch sind sie es, die tagtäglich mit der Grenze und ihren Auswirkungen umgehen und diese in ihre Handlungen mit einbeziehen müssen. Ihre Auseinandersetzung mit den Regulierungen des Grenzregimes führen mit dazu, dass die Wirklichkeit der EU-Außengrenze täglich neu definiert wird.

Aus dem Projekt entstandene Publikationen:

Miggelbrink, Judith (2014): Crossing lines, crossed by lines. Everyday Practices and Local Border Traffic in Schengen regulated Borderlands. In: Jones, Reece / Johnson, Corey (Hrsg.): Making the Border in Everyday Life. Farnham: Ashgate, S. 137-166 (Border Regions Series)

Müller, Kristine / Miggelbrink, Judith (2014): “The glove compartment half-full of letters” – Informality and cross-border trade at the rims of the Schengen Area. In: Morris, J. / Polese, A. (Hrsg.): The Informal Post-Socialist Economy. Embedded practices and livelihood. London and New York: Routledge, S. 152-164 (Routledge Russia and Eastern Europe Series)

Belina, Bernd / Miggelbrink, Judith (2013): Risk as a technology of power. FRONTEX as an example of the de-politicisation of EU migration regimes. In: Müller-Mahn, D. (Hrsg.): The Spatial Dimension of Risk. How Geography Shapes the Emergence of Riskscapes. London: Earthscan, S. 124-136

Bruns, Bettina (2013): Grenze als Ressource. In: Gebhardt, Hans / Glaser, Rüdiger / Lentz, Sebastian(Hrsg.): Europa – eine Geographie. Berlin, Heidelberg: Springer, S. 204-205

Bruns, Bettina / Miggelbrink, Judith / Müller, Kristine / Wust, Andreas / Zichner, Helga (2013): Making a Living on the Edges of a Security Border. Everyday Tactics and Strategies at the Eastern Border of the European Union. In: Schulz, C. / Koff, H. (Hrsg.): Theorizing Borders Through Analyses of Power Relationships. Brüssel u.a.: Lang, S. 89-110 (Regional Integration and Social Cohesion; 9)

Miggelbrink, Judith (2013): Immer unter Verdacht? Identitätszuschreibungen im Kontext des Kleinhandels an der Außengrenze der Europäischen Union. In: Geographica Helvetica, 68(3), S. 201-211

Miggelbrink, Judith (2013): Vom „Eisernen Vorhang“ zum Schengen-Abkommen – Entwicklung der Grenzen und Grenzregime in Europa und in der EU. In: Gebhardt, Hans / Glaser, Rüdiger / Lentz, Sebastian (Hrsg.): Europa – eine Geographie. Berlin, Heidelberg: Springer, S. 208-211

Müller, Kristine (2013): Yet another layer of peripheralization: Dealing with the consequences of the Schengen treaty at the edges of the EU territory. In: Fischer-Tahir, Andrea / Naumann, Matthias (Hrsg.): Peripheralization: The Making of Spatial Dependencies and Social Injustice. Heidelberg u.a., S. 187-206

Bruns, Bettina / Miggelbrink, Judith (2012): Introduction. In: Bruns, Bettina / Miggelbrink, Judith (Hrsg.): Subverting Borders. Doing Research on Smuggling and Small-Scale Trade. Wiesbaden: VS, S. 11-19

Bruns, Bettina / Miggelbrink, Judith / Müller, Kristine (2011): Smuggling and small-scale trade as part of informal economic practices – empirical findings from the Eastern external EU border. In: International Journal of Sociology and Social Policy 31 (11/12), S. 664-680

Müller, Kristine (2011): „‚Schiffchen‘ sind auch Einheimische. Sie haben da alle ein wunderschönes Leben“. Die Rolle von Identitäten bei der Überschreitung der EU-Außengrenze. In: Heller, Wilfried (Hrsg.): Identitäten und Imaginationen der Bevölkerung in Grenzräumen. Münster, S. 149-163 (Region – Nation – Europa; 64)

Wust, Andreas / Zichner, Helga (2011): Crossing the border: Transborder practices of small-scale economic actors at the EU’s new external border between Romania and Ukraine. In: Studia Universitatis Babes-Bolyai. Series Geographia 56 (1), S. 199-206

Belina, Bernd / Miggelbrink, Judith (2010): Am Ostrand des „wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraums der Welt“. (Raum-)Theoretische Überlegungen zur Produktion der EU-Außengrenze als Territorialisierungs- und Skalenstrategie. In: Lukowski, Wojciech / Wagner, Matthias (Hrsg.): Alltag im Grenzland. Schmuggel als ökonomische Strategie an der EU-Ostgrenze. Wiesbaden: VS, S. 215-230

Belina, Bernd / Miggelbrink, Judith (2010): Hier so, dort anders. Zum Vergleichen von Raumeinheiten in der Wissenschaft und anderswo. In: Belina, Bernd / Miggelbrink, Judith (Hrsg.): Hier so, dort anders. Raumbezogene Vergleiche in der Wissenschaft und anderswo. Münster: Westfälisches Dampfboot, S. 7-39 (Raumproduktionen; 6)

Bruns, Bettina / Zichner, Helga (2010): Moral an der Grenze? Theoretische Überlegungen und empirische Befunde zur Moral im Alltag an der östlichen Außengrenze der Europäischen Union. In: Geographische Revue (1), S. 21-36

Wust, Andreas / Zichner, Helga (2010). "Here is the Wall!" - Is it? Transborder practices of small-scale economic actors at the Ukrainian-Romanian border. In: revue d'études comparatives Est-Ouest 41(4), S. 171-193

Bruns, Bettina / Miggelbrink, Judith / Müller, Kristine / Wust, Andreas / Zichner, Helga (2009): Handeln an der Außengrenze der Europäischen Union. In: Krämer, R. (Hrsg.): Grenzen in den internationalen Beziehungen, Potsdam, S. 210-223 (WeltTrends Lehrtexte; 14)

Miggelbrink, Judith (2009): Der tägliche Weg über die Grenze. Kleinunternehmer/innen an der  Außengrenze der Europäischen Union. In: Leiter Geo (Hrsg.): Jahresheft Geopolitik 2008, S. 14-18 (Schriftenreihe Geoinformationsdienst der Bundeswehr; 18)

Projekt-Info

Bearbeitung

Judith Miggelbrink (Projektleitung), Bettina Bruns, Andreas Wust, Helga Zichner, Kristine Müller (IRS), Sabine Zillmer (IRS), Bernd Belina (Universität Frankfurt/Main)

Kooperation(en)

Universität Cluj (Rumänien); Universität Joensuu (Finnland); Universität Münster; Universität Wien (Österreich); Universität Grodno (Belarus); Universität Bialystok (Polen); Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung; Nat. Verwaltungsakademie der Ukraine, L'viv (Ukraine); Staatliche Universität Brest, Belarus; Universität Oldenburg; Universität Bia?ystok (Polen); Universität Slezská Ostrava (Tschechien); Universität Joensuu (Finnland)

Laufzeit

01/2007–12/2009

Projektförderung

Bund (BMVBS) und Freistaat Sachsen (SMWK) im Rahmen des Pakts für Forschung und Innovation

Weitere Informationen

Judith Miggelbrink
Tel.: +49 341 600 55-109
j_miggelbrink(at)ifl-leipzig.de

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